Vortrag von Dieter Gaißmayer am 13.03.2019 in der Begegnungsstätte Ehningen
Die Bürgerbeteiligungsgruppe „Aufenthaltsqualität und Grünflächen“ von Ehningen hat zwar einen sperrigen Namen, aber ein Händchen für gute Veranstaltungen. Im Sommer findet das coole „Picknick im Park“ statt und zusammen mit den Gartenfreunden Ehningen und dem Gemeindegarten hatten sie letztes Jahr den bekannten Wildblumenvermehrer Ernst Rieger auf dem Plateau – ein Publikumserfolg.
Auch diesmal ist das Konzept dieser Allianz voll aufgegangen. Die lustigen Männchen der Veranstaltungsplakate haben Wiedererkennungswert und so war auch am Mittwochabend die Begegnungsstätte wieder voll besetzt, um dem Vortrag des Staudengärtners Dieter Gaißmayer aus Illertissen zu lauschen. Im Publikum sowohl Profi-Gärtner und Kenner aber auch Unwissende wie mich, die ich schon Mühe habe, zu erklären, was denn eine Staude überhaupt ist.
Erleichterung, als Gaby Heydkamp von der Bürgerbeteiligung bei der Eröffnungsrede die Frage des Abends, die wohl viele beschäftigte, an den Redner zur Erklärung weiterreichte:
Was sind denn eigentlich Stauden?
„Mehrjährigen krautige Gewächse“, erklärte Dieter Gaißmayer, und er ist die Koryphäe auf diesem Gebiet. In seiner Staudengärtnerei in Illertissen vermehrt und pflegt er sie nach Bioland-Richtlinien und war den weiten Weg nach Ehningen gekommen, um auch uns restlos davon zu überzeugen, dass die Zukunft einer humanen Gesellschaft im Garten liegt. Er hat es wohl geschafft. Die Kombination aus fundierter Fachkenntnis und menschlicher Originalität, seine Leidenschaft und sein Humor reißen einen einfach mit.
Untermalt von starken Bildern stellte er uns den Garten als Gesamtkonzept einer kunstvollen Zusammenstellung verschiedener Pflanzenklassen vor, ein lebendiges Symbol für Entwicklung und Wachstum, Ästhetik und Artenschutz. Der Garten Eden, quasi.
Steinwüsten statt blühende Gärten
Dass die aktuelle Realität in deutschen Gärten ganz anders aussieht, zeigten belustigende bis schockierende Bilder unbelebter Ortsgestaltung. Ein „Worst of Grünflächen“, die den Namen schon nicht mehr verdienen, belegt diesen dramatischen Trend zu Stein, Asphalt und Gabionen. Nicht nur einzelne Vorgärten und Grünflächen, ein ganzes Ortsbild wird so deprimierend und abweisend, wie Gaißmayers Bilder zeigten. Da tun die positiven Gegenbeispiele von blumenreichen Grünstreifen, blühenden Rankpflanzen über grauem Beton und prachtvoll arrangierten Vorgärten richtig gut. Solche, so Gaißmayer, verdienten nicht nur Respekt vor der gärtnerischen Leistung der Eigentümer, sondern besondere Anerkennung als soziales Engagement, Schönes zu erschaffen und mit der Gemeinschaft zu teilen.
Die Gründe für den Rückgang kunstvoller (Vor-)Gärten zugunsten von Schotter- und Steinflächen mit sterilem Rollrasenstreifen oder vereinzelten Gehölzkrüppeln sieht Gaißmayer zum einen im Unwissen über die Möglichkeiten der Gestaltung und zum anderen in der Furcht vor aufwändiger Gartenarbeit.
Nur Mut: Gärtnern tut gut
Hier weiß er geschickt vom Gegenteil zu überzeugen und tröstet diejenigen, die es vielleicht doch versucht haben und frustriert gescheitert sind: keine Angst, „gärtnern“ sei keine Arbeit, eher so etwas, das das Fitnessstudio ersetze. Und emotional könne man sich dabei richtig ausleben, sei es beim Jubel über das keimende Wunder oder beim Kampf gegen die gefräßigen Nacktschnecken. „Therapeutisch“, so Gaißmayer, und wenn man ihn so wetterfest und strahlend sieht, muss man ihm glauben. Was das Scheitern angeht, so sollte man sich beim Kauf von Pflanzen besser von Baumärkten und profitorientierten Versandhändlern fernhalten. Oft kämen die Pflanzen von weit her oder seien durch Aussaat vermehrt, also mit großer Variation zwischen den einzelnen Pflanzen, sodass man nie wisse, ob sie dem Standort angepasst seien und welche Eigenschaften sie tatsächlich haben.
Gaißmayer leidet, wenn er den Verlust des Bezugs zum Garten als eine Abwendung von lebendiger Natur in unserem Lebensumfeld beklagt. Das Bewusstsein von Wachstum, Blüte und Vergehen sei jedoch eine Grundlage für eine humane Gesellschaft. Es sei eine Generationsaufgabe, die Freude am blühenden Umfeld wieder weiterzugeben. Darum startete Gaißmayer in Illertissen die Kampagne „Entsteint Euch!“, die auf die Missstände aufmerksam machen und mutige Neugärtner, die einen Anfang wagen, tatkräftig unterstützen will. Sein Appell: „Jeden Quadratmeter, der ungenutzt ist, grün werden lassen! Wir haben ein Recht auf Ästhetik und eine ökologische Pflicht!“ Allein am Willen liege es, durch gärtnerische Maßnahmen Zukunft zu schaffen. Auch dafür zeigte er verblüffende Beispiele gelungener Aufwertung von Mauern, Verkehrsinseln und –kreiseln, die gar nicht unbedingt kompliziert oder pflegeaufwendig seien. Gaißmayer strahlt Zuversicht aus.
Schwäbische Lieblingsstauden
Und damit zurück zu den Stauden. Um sich für Pflanzen zu interessieren, braucht es eine Geschichte zur Pflanze. Und die hat Gaißmayer zu jedem Beispiel seiner Sammlung: Kräuter, die zu Hecken werden und leckerste Blüten haben, Mythen über die Rosen-Lavendel-Allianz und den Anti-Aging-Rosenwurz. Mit lustigen Anekdoten und liebevolle Anspielungen auf die schwäbische Kultur malt der Gärtner den Zuhörern unvergessliche Portraits seiner Lieblinge. Und so lernen wohl auch Alteingesessene und Gartenkenner noch einiges über echte Schwabenpflanzen. Hier weiß Gaißmayer die schwäbische Mundart mit Charme einzusetzen und weist auf hiesige Prinzipien wie Mehrfachnutzen und „nix verkomme lau“ hin, die auch bei seinen Pflanzen gelten: riecht gut- koscht nix; schmeckt guad – is schea. Wie die Winterheckenzwiebel zum Beispiel, die von Kennern hier als „Schnattre für „Griane Grapfe“ genutzt wird, selbst abgeblüht „schea is“ und die „Hummle ganz euphorisch“ macht.
Auch die historischen Stauden mit ihren gefüllten Blüten, die hier seit Jahrhunderten liebevoll gezüchtet werden, haben es Gärtner Gaißmayer besonders angetan. Diese seien zwar ökologisch nicht so relevant, da für Insekten schlecht zugänglich, dafür aber als historisches Kulturgut und ästhetische Kunstwerke unbedingt erhaltenswert. Auch hier punktet Gaißmayer beim Publikum mit Geschichten zur Historie der Pflanzen, vom pflückbaren Duftveilchen bis zu regionalen Besonderheiten, wie dem „Supergras Waldenbuch“.
Zum „Finale“ zeigt Gaißmayer noch Impressionen aus seiner Gärtnerei in Illertissen, samt Arbeitsteam und Laufenten und weist auf die Besonderheit hin, dass hier die Pflanzen selbst, quasi von Hand vermehrt und aufgezogen werden. Unter freiem Himmel aufgewachsen, sind sie bereit für hiesige Bedingungen. Vom Pikieren bis zum Versand, von der Deko bis zu den Großveranstaltungen, alles ist geprägt von Sorgfalt und der Begeisterung für Pflanzen, die zu diesem Zeitpunkt des Vortrages schon längst auf das Publikum übergegriffen hat.
Ich habe große Lust, nach Illertissen zu fahren und mir die Staudengärtnerei mal anzusehen. Vielleicht organisiert die „BBAufGrün“ eine gemeinsame Ausfahrt mit Fahrgemeinschaften. Morgen gehe ich auf jeden Fall schon mal in den Garten und schaffe Platz für Stauden.