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Hummeln – die unterschätzten Bestäuber, ein Vortrag von Sarah Adelmann in Ehningen

Am Samstag, dem 7.11.2019 war NABU-Artenschutzbeauftragte Sarah Adelmann für Wespen und Hummeln in Ehningen zu Gast in den Gässlestuben. Rund 30 Besucher konnten bei ihrem spannenden Vortrag mit tollen Bildern eine Menge über die kleinen Brummer erfahren.

Für alle, die den Vortrag verpasst haben, hier eine kleine Zusammenfassung des Inhalts:

Hummeln sind als Bestäuber viel wichtiger als man denkt, obwohl sie etwas schwerfälliger und gemütlicher als die flinken kleinen Bienchen erscheinen (Hummeln sind ja eigentlich auch Wildbienen im weiteren Sinn). Durch ihre kräftige Statur und ihren dicken Pelz sind sie schon viel früher im Jahr aktiv, wenn es den anderen Bienen noch zu kalt zum Fliegen ist. Auch ist der Arbeitstag einer Hummel viel länger als der der Bienen, denn sie fliegen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Einige unserer Nutzpflanzen, wie  die Tomaten, werden fast ausschließlich von Hummeln bestäubt; und viele Obst- und Gemüsearten bringen durch die besondere Vibrationsbestäubung  der Hummeln mehr und größere Früchte hervor.

Diesen Umstand nutzen viele Landwirte und kaufen gezüchtete Hummelvölker, um ihre Pflanzen zu bestäuben. Allerdings bringen diese, aus Massenzuchtanlagen stammenden Tiere oft Infektionen und Parasiten mit, die sie an wildlebende Artgenossen weitergeben und so natürliche Bestände gefährden.

Besonders reizvoll hat Sarah Adelmann den Lebenszyklus der Hummeln vorgestellt:                                    

Die Hummelkönigin, die als einzige den Winter in einem Erdloch überlebt, begibt sich ab Februar auf die Suche nach einem Nest für ihr zukünftiges Volk. Das kann ein Mauseloch oder eine ähnliche Höhle sein. Die Hummelkönigin ist schon im letzten Jahr begattet worden und muss sich beeilen: Brutwaben für die ersten Eier bauen, und mit viel Nektar ausstatten und wie ein Huhn die Eiwaben  bebrüten, damit bald die ersten Arbeiterinnen schlüpfen und ihr bei der Arbeit helfen können. Dann kann sie sich ganz auf das Brutgeschäft konzentrieren und einen ganzen Hummelstaat gebären. Im Sommer schlüpfen dann auch Hummelköniginnen und Männchen, die zum Hochzeitsflug ausfliegen. Im Herbst sterben alle Hummeln außer den neuen Königinnen, die sich zur Winterruhe wieder in die Erde eingraben.

Das Überleben der Hummeln ist also besonders im Frühjahr, wenn die ganze Arterhaltung nur an der Königin hängt, ziemlich großen Risiken und Gefahren ausgesetzt. Nur die Hälfte der Hummelköniginnen überlebt den Winter, und von den Überlebenden schafft es auch nur ein Teil, ein neues Volk zu gründen. Als wäre ein normales Hummelleben nicht schon problematisch genug, haben sie in letzter Zeit aber noch mit weiteren Gefahren zu kämpfen: durch intensive Flächennutzung der Menschen und versteinerte Gärten werden Futterpflanzen immer weniger. Auch verlassene Mäuselöcher, Hohlräume in Steinmauern oder wilde Gartenecken werden in aufgeräumten Gärten immer seltener – Wohnungsnot für Hummelköniginnen! Pestizide in Landwirtschaft und Privatgärten tun das Übrige um die Hummeln weiter in ihrem Überleben zu gefährden, denn auch wer sie mit Ameisengift und Insektensprays nicht im Visier hat, tötet sie trotzdem mit. So sind mittlerweile über die Hälfte der 29 in Baden-Württemberg lebenden Hummelarten bedroht, ein Viertel sogar stark gefährdet.

Die häufigsten Hummelarten, die uns im Garten begegnen, hat Sarah Adelmann kurz vorgestellt. Obwohl sie wie die anderen Bienenarten stechen können, sind die meisten Hummelarten sehr friedfertig.

Für alle, die die Hummeln unterstützen möchten, hat Sarah Adelmann wertvolle Tipps: heimische Futterpflanzen im Garten, die von Februar bis September Blüten bieten und ein wenig „wilde Natur“ im Garten zulassen, damit sich Nistmöglichkeiten ergeben. Natürlich verbietet sich für Hummelfreunde der Einsatz von Giften im Garten. Auch Nistkästen können für Hummeln aufgestellt werden. Wichtig hierbei ist die Bauform, die mit einem kleinen Einstiegsloch einem Mäusebau ähnelt und eine Schutzklappe gegen Mottenbefall hat. Diese lernen die cleveren Hummeln zu öffnen, Motten bleiben draußen.

Wer einen solchen Kasten haben oder mehr über Hummeln erfahren möchte, findet Infos auf der Internetseite www.NABU-suedbaden.de/hummeln.

Hummel
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Natur nah dran in Ehningen: ein Rundgang mit den Gemeindegärtnern

Besonders in Baden-Württemberg sind die Flächenversiegelung und der Rückgang natürlicher Lebensräume in Siedlungsnähe mit dem Verlust von Artenvielfalt verbunden. Städten und Gemeinden, die diesem Trend entgegenwirken wollen, bietet das Förderprojekt „Natur nah dran“ des NABU und des Landes Baden-Württemberg die Möglichkeit, vorhandene Grünflächen zu neuen Lebensräumen umzugestalten.  Ziel ist, anhaltend blühende Flächen für viele Jahre zu erschaffen, die bei geringem Pflegeaufwand Lebensraum für Insekten bieten und Natur im Siedlungsraum erlebbar machen. Dabei geht die Neugestaltung der Flächen weit über die Ansaat von konventionellen Blühmischungen hinaus. Besonders geschulte Fachkräfte des NABU erarbeiten für jeden Standort ein eigenes, nachhaltiges Konzept mit heimischen Pflanzen. Auch bei der Umsetzung erhalten die Gemeinden fachliche Hilfe, Gemeindegärtner und Bürgerbeteiligungen werden bei der Bodenvorbereitung, Pflegemaßnahmen und Öffentlichkeitsarbeit beraten und unterstützt. Finanziell beteiligt sich das Land mit einer Förderung von bis zu 15.000 Euro an den Maßnahmen einer Kommune.

In Ehningen ist diese Idee auf fruchtbaren Boden gefallen, denn Gemeindegärtner Rüdiger Seifert beschäftigt sich schon länger mit nachhaltiger Gestaltung kommunaler Grünflächen. Mit großem Engagement ist es dem Gärtnerteam des Ehninger Bauhofs gelungen, das gesamte Konzept für die fünf „Natur nah dran“-Projekte selbst zu erstellen und nach Abnahme durch ein Expertenteam auch in Eigenregie umzusetzen. Die hochaktive Bürgerbeteiligungsgruppe „Aufenthaltsqualität und Grünflächen“ hat das Projekt durch ihre Öffentlichkeitsarbeit maßgeblich unterstützt.

Bei der Auftaktveranstaltung im Mai kamen Gemeindegärtner aus ganz Baden-Württemberg nach Ehningen, um die Projektflächen anzusehen. Reinhard Witt und Ernst Rieger, namhafte Experten für naturnahe Grünflächengestaltung bestätigten das erfolgreiche Aufgehen der Maßnahmen, immer mit dem Hinweis, dass naturnahes Gärtnern vor allem Zeit und Geduld brauche, um zur vollständigen und langanhaltenden Blühpracht zu gelangen. Ältere „Natur nah dran“- Projekte, wie in Ludwigsburg bezeugen das.

Bei all dem Lob ist es umso unverständlicher, dass die Gemeindeverwaltung vor kurzem die „Natur nah dran“-Projektflächen vor dem Ehninger Rathaus ohne Ankündigung oder Absprache mit den Projektleitern ausbaggern und mit konventionellen kurzlebigen Saisonblumen bestücken ließ. Der NABU bedauert dieses Vorgehen zutiefst und fordert umgehend die Erschaffung von gleichwertigen Ersatzflächen für diesen Verlust. „Gerade auf diesen repräsentativen Flächen hätten wir uns ein eindeutiges Bekenntnis der Gemeinde zu ihrer Zustimmung  zum Projekt „Natur nah dran“ erhofft“, so Martin Klatt, Projektleiter des NABU Baden-Württemberg. Der Erfolg des Gesamtprojekts wird durch diese Aktion jedoch nicht in Frage gestellt.

Hier wird klar, dass es immer noch viel Mut und langen Atem braucht, um neue Konzepte gegen althergebrachte Vorstellungen von repräsentativer, ordentlicher Standardbegrünung  durchzusetzen. Es bleibt zu hoffen, dass das Bekenntnis zu mehr Lebendigkeit im Ort kein halbherziges Zugeständnis an die Zeichen der Zeit bleibt. Gern wird hervorgehoben, dass Ehningen von vielen Gemeinden beneidet würde. Die weitreichende Anerkennung der Arbeit seiner Gemeindegärtner und seiner Bürgerbeteiligung sollte dabei nicht ignoriert werden. 

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Pflegeeinsatz im NSG Schalkwiesen

Letzten Freitag trafen sich sieben Aktive der IG Naturschutz bei schönstem Wetter am Naturschutzgebiet Krebsbachaue-Schalkwiesen. Ausgerüstet mit Handschuhen, Gartensäcken und Rebscheren bekamen sie zunächst eine kurze Einführung in die Neophyten-Problematik im Naturschutzgebiet von der Gebietsbetreuerin des Regierungspräsidiums Stuttgart. Auch die Anerkennung der Motivation und freiwilligen Naturschutzhelfer kam hier zu Wort.

Kanadische Goldrute

Drei Stunden lang arbeiteten die fleißigen Helfer an der Nordseite des Schutzgebiets zwischen Schilfrohr und Mädesüß, um die sich hier invasiv verbreitende Kanadische Goldrute  zu entfernen. Diese Pflanze, die sich über die Gärten in der Natur ausgebreitet hat, verdrängt zunehmend die einheimische Flora in den Feuchtwiesen des Gebiets ohne eine ökologische Funktion für hiesige Tiere zu übernehmen. Dabei ist die Kanadische Goldrute über ihr tiefverzweigtes Wurzelwerk sehr wuchsfreudig und schwierig zu entfernen. Nach ersten Versuchen vom Regierungspräsidium, die Samenstände der Pflanze im Herbst zu entfernen, machte sich nun die IG Naturschutz daran, ganze Pflanzen mit so viel Wurzelwerk wie möglich zu entfernen. Je nach Bodenbeschaffenheit ging das ganz gut: ausreißen, in Säcke stopfen und aus dem Gebiet heraustragen. So war am Ende der Aktion ein mächtiger Haufen zusammengetragen, auf den die glücklich erschöpften Naturschutzhelfer stolz blicken konnten. Dank an dieser Stelle an den Bauhof Ehningen, der die fachgerechte Entsorgung des Goldrutenmaterials übernimmt.

Bei der abschließenden Einkehr ins Vereinsheim an den Schalkwiesen waren sich alle einig, dass die Aktion nicht nur wichtig und sinnvoll war, sondern auch gut Spaß gemacht hat. Mit Sicherheit werden weitere Maßnahmen dieser Art notwendig sein. Alle, die Lust haben sich aktiv für die letzten Naturschätze unserer Region einzusetzen, können über die IG Naturschutz in Ehningen mitmachen.

Bei Interesse einfach unter naturschutzehningen@web.de melden. Infos über Termine und Naturschutzthemen gibt’s hier auf dem Blog.

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Furchenbienen-Kolonie an der neuen Unterführung!

Wer bei seinem nächsten Spaziergang auf der Bühlallee an den neuen Blühflächen des NaturNahDran-Projekts vorbeikommt, kann spannende Naturbeobachtungen machen:

Die Blumen, die sich dort selbst angesiedelt haben und die neu eingesäten Wildblumen werden von vielen Wildbienen besucht.

Quelle: Sabine Holmgeirsson

Sehr viele Wildbienen-Arten brüten im Boden. Dafür brauchen sie unbewachsene Stellen mit sandig-lehmiger Erde, in die sie ihre tiefen Brutgänge graben, um dort ihre Eier abzulegen.

Genau solche Freiflächen findet man an der Hangseite zur Unterführung. Die auf den ersten Blick etwas kahl erscheinende Fläche ist ein perfekter Lebensraum für Wildbienen: sonniger Südhang, leicht zugängliche Erde, keine Gefahr durch Fußgänger oder Fahrzeuge.

Quelle: Sabine Holmgeirsson

Wer sich Zeit nimmt, kann hier die Wildbienen in Bodennähe herumschwirren und in kleine Erdlöcher rein- und rauskrabbeln sehen. Obwohl die meisten Wildbienen solitär leben, also jede Biene ihr eigenes Loch gräbt, ist hier eine besondere, temporär soziale Art unterwegs: die Gelbbindige Furchenbiene, Wildbiene des Jahres 2018, mit 14mm relativ groß und an ihren fast wespenartigen gelben Querbinden gut zu erkennen.

An den Brutplätzen bilden sich Weibchen-Teams und helfen der Größten unter ihnen, die eine Königinnenfunktion annimmt, sich selbst und den Nachwuchs zu versorgen. Diese Zeitarbeiterinnen sind aber später auch selbst mit der eigenen Brut beschäftigt: sobald die neue Königin geschlüpft ist, sind sie aus dem Dienst entlassen und graben ihre eigenen Löcher.

Wer sich das Schauspiel ansehen möchte, sollte nicht allzu lang warten: wenn das Brutgeschäft vorbei ist, bleiben nur noch einzelne Bienen in der Nähe der Brutlöcher.

Und keine Angst vor Stichen, Wildbienen sind völlig harmlos!

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Gertrud Fortsetzung

Wie traurig war ich, als ich ein paar Tage später am Waldweiher vorbeikam und das Nest verlassen sah. Zwei Eier waren noch zu sehen, aber weit und breit keine Spur von Gertrud.

Natürlich können die Eier auch mal eine Weile unbebrütet bleiben, wenn sie schon weit genug sind, aber irgendwann kühlen sie natürlich doch aus.

Am folgenden Tag das gleiche Bild: einsame Eier im Nest, keine Gans in  Sicht. Anscheinend hatte Gertrud das Gelege aufgegeben. Gründe dafür gibt es immer wieder, am häufigsten fühlen sich die Vögel von Menschen oder Hunden, die auch mal ins Wasser gehen, gestört. Konkurrenten und natürliche Feinde wie Füchse und große Greifvögel konnte ich mir an diesem Ort wirklich nicht vorstellen.

Schade, dachte ich mir, das Leben draußen ist zu hart für niedliche Blogeinträge.

Einen weiteren Tag später überraschte mich nicht weit vom Waldweiher beim Joggen ein Familienausflug der besonderen Art: sechs Graugänse kamen mir auf dem Weg entgegen gewatschelt; ein Elternteil vorn, vier gelbgraue Küken in der Mitte und ein Elternteil hinterher. Ganz entspannt wackelten sie an mir vorbei in Richtung Dagersheim. Ein schöner Trost für Gertruds Verschwinden- irgendwo hier in der Nähe war zumindest eine Brut erfolgreich gewesen!

Am Nachmittag desselben Tages unterhielt ich mich über den Gartenzaun mit meiner Nachbarin, die auch sehr gern und oft im Wald unterwegs ist. Ich erzählte ihr von Gertrud und der Gänsefamilie. Meine Nachbarin hatte die Familie auch gesehen, allerdings auf der Waldweiher-Insel, am Nest! Meine Lieblings-Schlussfolgerung aus all den Beobachtungen ist diese:

Gertrud saß nicht auf zwei, sondern auf sechs Eiern. Zwei davon kamen nicht zum Schlupf, die anderen vier aber sind tatsächlich ausgebrütet und zu den Gösseln geworden, die wir später gesehen haben.

Keine Ahnung, ob das die wahre Geschichte ist, aber ich lass sie jetzt einfach mal so stehen, bis jemand das Gegenteil beweist. 

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Gertrud

In dem kleinen Waldstück am östlichen Ortsrand gibt es ein Regenrückhaltebecken. Klingt unromantisch, liegt auch zwischen Autobahnlärm und Bahntrasse, ist aber zu einem hübschen kleinen Teich verwachsen, mit schilfgesäumten Ufern und einem kleinen Inselchen in seiner Mitte. 

Dort habe ich schon vor einer Weile neben einem umherpaddelnden Entenpaar eine Graugans beobachtet. Graugänse kommen hier das ganze Jahr über an Wasserflächen vor. Größere Gruppen sieht man oft am Böblinger See und bei Rohrau im Naturschutzgebiet. Diese hier sitzt seit einigen Tagen nun geduldig auf der Insel im Teich und bewegt sich kaum. Heute habe ich sie mir genauer angesehen. Vom Weg aus, mit dem Fernglas, ist sie gut zwischen den Schilfhalmen zu beobachten, ohne dass es sie zu stören scheint. Sie ist wirklich eine Schönheit, und irgendwie kommt mir der Name Gertrud in den Sinn.  

Ein richtiges Nest ist kaum zu sehen, aber hin wieder stopft sie einen Halm oder eine Daunenfeder unter sich. Ich glaube, Getrud brütet etwas aus. 

Was mich wundert ist, dass Gertrud immer allein hier ist, wo doch Graugänse immer gern im Trupp, zumindest aber zu zweit unterwegs sind. Ob ihrem Liebsten etwas zugestoßen ist? Oder wurde sie aus einer Gruppe weggemobbt? Wie dem auch sei, Gertrud ist allein mit ihrer Brut beschäftigt, und ich frage mich, ob sie nur übt, oder tatsächlich bald alleinerziehende Mutter wird. Zumindest hat sie ein gutes Plätzchen gefunden, denn die Insel bietet Schutz vor einigen Feinden. 


Graugans (Anser Anser) 

Graugänse brüten von März bis Juni, legen 4-8 schmutzig-weiße Eier, die sie vier Wochen lang bebrüten. Ich hoffe Gertrud schafft das alleine und findet genügend Futter am Waldweiher. Sie braucht Gräser und Sämereien und darf die Eier nicht lang allein lassen. 

Ich werde sie wieder besuchen, um zu sehen, was aus ihr und ihrem Brutversuch wird.  

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Lebendige Gärten – mit Stauden gestaltet

Vortrag von Dieter Gaißmayer am 13.03.2019 in der Begegnungsstätte Ehningen 

Die Bürgerbeteiligungsgruppe „Aufenthaltsqualität und Grünflächen“ von Ehningen hat zwar einen sperrigen Namen, aber ein Händchen für gute Veranstaltungen. Im Sommer findet das coole „Picknick im Park“ statt und zusammen mit den Gartenfreunden Ehningen und dem Gemeindegarten hatten sie letztes Jahr den bekannten Wildblumenvermehrer Ernst Rieger auf dem Plateau – ein Publikumserfolg. 

Auch diesmal ist das Konzept dieser Allianz voll aufgegangen. Die lustigen Männchen der Veranstaltungsplakate haben Wiedererkennungswert und so war auch am Mittwochabend die Begegnungsstätte wieder voll besetzt, um dem Vortrag des Staudengärtners Dieter Gaißmayer aus Illertissen zu lauschen. Im Publikum sowohl Profi-Gärtner und Kenner aber auch Unwissende wie mich, die ich schon Mühe habe, zu erklären, was denn eine Staude überhaupt ist.  

Erleichterung, als Gaby Heydkamp von der Bürgerbeteiligung bei der Eröffnungsrede die Frage des Abends, die wohl viele beschäftigte, an den Redner zur Erklärung weiterreichte:

Was sind denn eigentlich Stauden? 

„Mehrjährigen krautige Gewächse“, erklärte Dieter Gaißmayer, und er ist die Koryphäe auf diesem Gebiet. In seiner Staudengärtnerei in Illertissen vermehrt und pflegt er sie nach Bioland-Richtlinien und war den weiten Weg nach Ehningen gekommen, um auch uns restlos davon zu überzeugen, dass die Zukunft einer humanen Gesellschaft im Garten liegt. Er hat es wohl geschafft. Die Kombination aus fundierter Fachkenntnis und menschlicher Originalität, seine Leidenschaft und sein Humor reißen einen einfach mit.  

Untermalt von starken Bildern stellte er uns den Garten als Gesamtkonzept einer kunstvollen Zusammenstellung verschiedener Pflanzenklassen vor, ein lebendiges Symbol für Entwicklung und Wachstum, Ästhetik und Artenschutz. Der Garten Eden, quasi. 

Steinwüsten statt blühende Gärten

Dass die aktuelle Realität in deutschen Gärten ganz anders aussieht, zeigten belustigende bis schockierende Bilder unbelebter Ortsgestaltung. Ein „Worst of Grünflächen“, die den Namen schon nicht mehr verdienen, belegt diesen dramatischen Trend zu Stein, Asphalt und Gabionen. Nicht nur einzelne Vorgärten und Grünflächen, ein ganzes Ortsbild wird so deprimierend und abweisend, wie Gaißmayers Bilder zeigten. Da tun die positiven Gegenbeispiele von blumenreichen Grünstreifen, blühenden Rankpflanzen über grauem Beton und prachtvoll arrangierten Vorgärten richtig gut. Solche, so Gaißmayer, verdienten nicht nur Respekt vor der gärtnerischen Leistung der Eigentümer, sondern besondere Anerkennung als soziales Engagement, Schönes zu erschaffen und mit der Gemeinschaft zu teilen. 

Die Gründe für den Rückgang kunstvoller (Vor-)Gärten zugunsten von Schotter- und Steinflächen mit sterilem Rollrasenstreifen oder vereinzelten Gehölzkrüppeln sieht Gaißmayer zum einen im Unwissen über die Möglichkeiten der Gestaltung und zum anderen in der Furcht vor aufwändiger Gartenarbeit.  

Nur Mut: Gärtnern tut gut

Hier weiß er geschickt vom Gegenteil zu überzeugen und tröstet diejenigen, die es vielleicht doch versucht haben und frustriert gescheitert sind: keine Angst, „gärtnern“ sei keine Arbeit, eher so etwas, das das Fitnessstudio ersetze. Und emotional könne man sich dabei richtig ausleben, sei es beim Jubel über das keimende Wunder oder beim Kampf gegen die gefräßigen Nacktschnecken. „Therapeutisch“, so Gaißmayer, und wenn man ihn so wetterfest und strahlend sieht, muss man ihm glauben. Was das Scheitern angeht, so sollte man sich beim Kauf von Pflanzen besser von Baumärkten und profitorientierten Versandhändlern fernhalten. Oft kämen die Pflanzen von weit her oder seien durch Aussaat vermehrt, also mit großer Variation zwischen den einzelnen Pflanzen, sodass man nie wisse, ob sie dem Standort angepasst seien und welche Eigenschaften sie tatsächlich haben.   

Gaißmayer leidet, wenn er den Verlust des Bezugs zum Garten als eine Abwendung von lebendiger Natur in unserem Lebensumfeld beklagt. Das Bewusstsein von Wachstum, Blüte und Vergehen sei jedoch eine Grundlage für eine humane Gesellschaft.  Es sei eine Generationsaufgabe, die Freude am blühenden Umfeld wieder weiterzugeben. Darum startete Gaißmayer in Illertissen die Kampagne „Entsteint Euch!“, die auf die Missstände aufmerksam machen und mutige Neugärtner, die einen Anfang wagen, tatkräftig unterstützen will. Sein Appell: „Jeden Quadratmeter, der ungenutzt ist, grün werden lassen! Wir haben ein Recht auf Ästhetik und eine ökologische Pflicht!“ Allein am Willen liege es, durch gärtnerische Maßnahmen Zukunft zu schaffen. Auch dafür zeigte er verblüffende Beispiele gelungener Aufwertung von Mauern, Verkehrsinseln und –kreiseln, die gar nicht unbedingt kompliziert oder pflegeaufwendig seien. Gaißmayer strahlt Zuversicht aus. 

Schwäbische Lieblingsstauden

Und damit zurück zu den Stauden. Um sich für Pflanzen zu interessieren, braucht es eine Geschichte zur Pflanze. Und die hat Gaißmayer zu jedem Beispiel seiner Sammlung: Kräuter, die zu Hecken werden und leckerste Blüten haben, Mythen über die Rosen-Lavendel-Allianz und den Anti-Aging-Rosenwurz. Mit lustigen Anekdoten und liebevolle Anspielungen auf die schwäbische Kultur malt der Gärtner den Zuhörern unvergessliche Portraits seiner Lieblinge. Und so lernen wohl auch Alteingesessene und Gartenkenner noch einiges über echte Schwabenpflanzen. Hier weiß Gaißmayer die schwäbische Mundart mit Charme einzusetzen und weist auf hiesige Prinzipien wie Mehrfachnutzen und „nix verkomme lau“ hin, die auch bei seinen Pflanzen gelten: riecht gut- koscht nix; schmeckt guad – is schea. Wie die  Winterheckenzwiebel zum Beispiel, die von Kennern hier als „Schnattre für „Griane Grapfe“ genutzt wird, selbst abgeblüht „schea is“ und die „Hummle ganz euphorisch“ macht. 

Auch die historischen Stauden mit ihren gefüllten Blüten, die hier seit Jahrhunderten liebevoll gezüchtet werden, haben es Gärtner Gaißmayer besonders angetan. Diese seien zwar ökologisch nicht so relevant, da für Insekten schlecht zugänglich, dafür aber als historisches Kulturgut und ästhetische Kunstwerke unbedingt erhaltenswert. Auch hier punktet Gaißmayer beim Publikum mit Geschichten zur Historie der Pflanzen, vom pflückbaren Duftveilchen bis zu regionalen Besonderheiten, wie dem „Supergras Waldenbuch“. 

Zum „Finale“ zeigt Gaißmayer noch Impressionen aus seiner Gärtnerei in Illertissen, samt Arbeitsteam und Laufenten und weist auf die Besonderheit hin, dass hier die Pflanzen selbst, quasi von Hand vermehrt und aufgezogen werden. Unter freiem Himmel aufgewachsen, sind sie bereit für hiesige Bedingungen. Vom Pikieren bis zum Versand, von der Deko bis zu den Großveranstaltungen, alles ist geprägt von Sorgfalt und der Begeisterung für Pflanzen, die zu diesem Zeitpunkt des Vortrages schon längst auf das Publikum übergegriffen hat. 

Ich habe große Lust, nach Illertissen zu fahren und mir die Staudengärtnerei mal anzusehen. Vielleicht organisiert die „BBAufGrün“ eine gemeinsame Ausfahrt mit Fahrgemeinschaften. Morgen gehe ich auf jeden Fall schon mal in den Garten und schaffe Platz für Stauden. 

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Fuchs mal anders

Der Mensch hat seine Umwelt verändert. Die Urwälder Mitteleuropas sind verschwunden und größtenteils durch Ackerland und Siedlungsräume ersetzt. Es sind neue Lebensräume in dieser Kulturlandschaft entstanden, denn die Pflanzen und Tiere passen sich veränderten Bedingungen an (anders als wir, die wir lieber die Umwelt unseren Bedürfnissen anpassen).

Mit der Entwicklung des Menschen ändern sich auch fortwährend die Bedingungen und somit die Flora und Fauna des  Landes. So konnten sich viele Vögel und Insekten hier erst durch die Zurückdrängung des Waldes etablieren, weil sie offene Flächen und blühende Pflanzen brauchen. Die Artenvielfalt hierzulande ist also eigentlich eine Folge der menschlichen Eingriffe in die Natur. Innerhalb dieser ökologischen Systeme besteht ein vielverzweigtes Beziehungsnetz unter den Arten, das relativ stabil bleibt, solange ein Gleichgewicht zwischen den Populationsgrößen besteht. Unter natürlichen Bedingungen halten sich die Populationen innerhalb einer Räuber-Beute-Beziehung gegenseitig aufrecht.

Im Augenblick findet wieder ein Wandel in unserer Kulturlandschaft statt. Dass die intensivierte Landwirtschaft und die zunehmende Besiedlung der Flächen den dramatischen Rückgang der Pflanzenvielfalt, Insekten und Vögel verursacht, scheint ein offensichtlicher kausaler Zusammenhang zu sein. So sind 66% der bodenbrütenden Vögel akut in ihren Beständen gefährdet. Die Feldlerche ist deshalb dieses Jahr als Vertreter der Agrarvögel erneut zum Vogel des Jahres ausgerufen worden: seit 2002 nahmen ihre Bestände um 26% ab, also jedes Jahr 1,5% weniger.

Doch gibt es in diesem landschaftlichen Wandel nicht nur Verlierer. Tiere, die den menschlichen Siedlungsraum nutzen können und Opportunisten bezüglich ihrer Nahrung sind, haben hier einen klaren Vorteil gegenüber Freiland-Spezialisten. Der Fuchs hat durch die  Anpassung an neue Nahrungsquellen wie Abfälle und Katzenfutter von der Entwicklung profitiert. Weiterer Pluspunkt für den Fuchs: als optisch ansprechendes, auffälliges Säugetier wird er vom Menschen leichter wahrgenommen und dank seines Kuscheltierimages geschätzt. Mit der Aussetzung der Jagd auf den Fuchs und der Befreiung von Tollwut durch den massiven Einsatz von Impfködern steht seiner Ausbreitung also nichts mehr im Wege.

Durch diese Maßnahmen greift der Mensch wieder in das Ökosystem ein und hat ein Ungleichgewicht zwischen den Populationen hergestellt. Prinzipiell ist die zunehmende Sensibilisierung der Menschen gegenüber Wildtieren zu begrüßen; wir brauchen den emotionalen Zugang zur Natur, und Mitleid für fühlende Wesen ist eine Voraussetzung für eine humane Gesellschaft.

Aber unsere Wahrnehmung ist nicht fair: der eine ist seit Disneys „Cap und Capper“ sympathisch, der andere unsichtbar, also quasi inexistent. Wenn man sich also strikt gegen die Bejagung des Fuchses stellt, stellt man sich im selben Moment für die Ausrottung der Bodenbrüter.

Man muss sich also entscheiden, was man will: Artenvielfalt oder Artenselektion. Im Sinne des nachhaltigen Naturschutzes, der das ökologische Netz als Entität betrachtet, in die auch wir einbezogen sind, muss man Artenvielfalt schützen. Und da wir als Menschen bereits seit langer Zeit eingreifen und die Bedingungen bestimmen, scheint es nur konsequent, diesen Weg mit einer Regulierung der Fuchspopulation weiterzugehen.

Natürlich gibt es andere Möglichkeiten, bodenbrütende Arten zu unterstützen und zu schützen. Hier ist das Agrarmanagement gefragt. Auch  stimmt es, dass die Jagd allein die Fuchspopulation nicht dauerhaft reduzieren kann. Aber das soll sie ja auch gar nicht. Vielmehr geht es darum, die Fuchsdichte in sensiblen Bereichen, in denen man Feld- und Flurtiere erhalten und fördern möchte, für einen begrenzten Zeitraum zu senken, bis sich die Bestände anderer Zielarten in einem geschützten Raum etabliert haben. Auch der Feldhamster gehört zu diesen Zieltierarten, die so vor dem Prädator Fuchs geschützt werden. Zumindest der hätte ja den Kuschelbonus.